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Zu nah an der Realität

Fritz Wolf
epd medien online
19. Juli 2010 Nr 47

„Ostende, 3 Uhr nachmittags. Der Dokumentarist Klaus Wildenhahn“, Regie und Buch: Quinka F.Stoehr, Kamera: Stefan Grandinetti, Volker Tittel, Quinka Stoehr (3sat/ZDF, 15.6.10 23.00-23.55Uhr)

Künstlerporträts sehen im deutschen Fernsehen immer ähnlich aus, ob nun „Mein Leben“ oder „Deutschland, deine Künstler“. Die Kamera begleitet die Protagonisten ein paar Tage. Es gibt ein bisschen Homestory, einen Blick ins Fotoalbum, Szenen öffentlichen Wirkens, einige Freunde und Weggefährten, die Auskunft geben. Quinka F. Stoehrs Film über den Dokumentarfilmregisseur Klaus Wildenhahn hat von all dem auch etwas. Den Blick in die Küche, das schwarze Bakelit-Telefon mit Wählscheibe und die mechanische Schreibmaschine. Die Begegnung mit einem Schulfreund, die Erinnerung an die Mutter.
Und doch ist „Ostende, 3 Uhr nachmittags“ anders – offener, fragender, mit Platz für eigene Gedanken. Eigentlich versteht sich das von selbst. Ein Film über einen Dokumentaristen, der Realität als etwas zu Eroberndes begriffen hat, immer überzeugt von der Fragilität des filmischen Beobachtens, ausgerichtet auf das Offene des filmischen Prozesses, ein Meister der beiläufigen Beobachtung: darauf passt kein formatierter Deckel.
Das beginnt schon mit dem Einstieg. Klaus Wildenhahn dreht gleich den Spieß um. Mit Augenzwinkern offeriert er der Kamera die von ihm bereits ausgesuchten Arrangements und relativiert sich selbst. Er sei doch nur die Nebensache des Films, er sei nicht richtig greifbar, überhaupt seien Menschen nicht richtig greifbar. Film als Versuch. „Alles Theater“ ironisiert er sich selbst, der sich hinter der Kamera auch immer wohler gefühlt hat als davor.
Zwischendurch wird Wildenhahn immer wieder den Dialog mit der Kamera und der Regisseurin aufnehmen, ein leichtes, souveränes Spiel spielen, in dem es aber um ernste Dinge geht, das Filmemachen betreffend. Die Pflöcke werden gleich in den ersten Minuten eingetrieben. Dokumentarfilm sei etwas, „das sich der Kontrolle entzieht“. Der Zugriff der Leute, die im Fernsehen arbeiten, sei auch gleichzeitig die Kontrolle über das, was mit den Zuschauern passiert. „Uncontrolled cinema“, das von ihm in Deutschland eingeführte „direct cinema“ könne „den Zuschauer dazu bringen, sich selbst eine Meinung zu bilden“. Das dürfe nicht durch die Form schon vorgegeben sein.
Auch Wildenhahn selbst geht durch den Film ein wenig unkontrolliert. Er hat einen Hautkrebs überstanden, trägt mal Verband, mal sichtbar die groben Spuren der Transplantation der Kopfhaut. Er spricht ruhig darüber, nicht viel. Dann geht er zum Friseur und lässt sich auf diesem geschundenen Kopf das bisschen Haar abscheren, bei einem Friseur in Ostende. Die Szene könnte aus einem von Wildenhahns Filmen sein.

Die Autorinüberlässt weitgehend ihrem Protagonisten die Gangart des Films, sie montiert geschickt Subjektives mit Filmausschnitten, spricht Passagen aus theoretischen Texten von Wildenhahn ein, zwingt den Protagonisten und seine Geschichte nicht in einen narrativen Geradeauslauf.
„Ostende, 3 Uhr nachmittags“, der Titel annonciert auch schon einen solchen unkontrollierten Moment, des Zufalls, des Augenblicks, des beredten Moments.
In der belgischen Küstenstadt mit ihren schönen Cafés hat Klaus Wildenhahn mit seiner Frau eine zweiteWohnung, mit Blick aufs Meer. Ostende gibt aber auch dem biografischen Blick Tiefe. In Ostende war Wildenhahns Mutter während des 1. Weltkriegs Krankenschwester und kam als Pazifistin aus dem Krieg zurück. Ihre Haltung hat sie ihrem Sohn weitergegeben. Er hat über diese Herkunft auch einen Film gedreht. Man sieht noch einmal in den Ausschnitten, wie er die alten Fotos betrachtet, was sie aussagen, aber auch, was sie verschweigen.
Zwei Schlüsselszenen. Einmal ein Brief an den britischen Dokumentaristen Richard Leacock, den er als seinen Lehrer und als Vorbild betrachtet. Er habe, schreibt Wildenhahn darin, ihm wohl niemals gesagt, dass er, Leacock, ihm das Leben gerettet habe „und befreit von einer bestimmten deutschen, kleinlichen und pedantischen Art, die Dinge zu betrachten“. Er sei ein wenig unbeholfen, schreibt er weiter, so etwas jemandem direkt zu sagen. Deshalb der Brief. Abgeschickt hat er ihn freilich nie. So ist er jetzt in diesem Film aufgehoben, als Geschenk für Filmarchivare. Dann der dokumentarische Fünfteiler „Emden geht nach USA“ von 1975/76. Eine Studie aus der Frühzeit der Globalisierung. Dem VW-Werk in Emden droht die Schließung, Angst um Arbeitsplätze geht um. Die Industriearbeiter in der armen ländlichen Region Ostfriesland waren eben erst Industriearbeiter geworden, Wildenhahn erzählt auch diese Sozialgeschichte. Gewerkschaftsfunktionäre, Vertrauensleute, Betriebsräte kommen zu Wort. „Es kann keine Frage sein“, hat Wildenhahn geschrieben, „dass der Dokumentarfilm eine Plattform für jene sein muss, die sonst nicht zu Wort kommen und zwar in einer Sprache, die sonst nicht gehört wird im Medium.“
Der Film hat damals große Aufregung verursacht – auch das ein Stück Programmgeschichte. Es gab Proteste, auch der VW-Arbeiter, derer sich Wildenhahn und seine Kamerafrau Gisela Tuchtenhagen mit großer Sympathie annahmen. Der NDR setzte sogar eine Diskussionsrunde an, in der sich die Autoren für ihren Film rechtfertigen mussten. Der Programmdirektor des NDR distanzierte sich und als der Film den Grimmepreis bekam, ließ auch der WDR-Programmdirektor verlauten, er hätte diesen Preis nicht vergeben (vgl. Leitartikel in dieser Ausgabe).
Die Filmemacherin hat übrigens im NDR-Archiv keine Aufzeichnung dieser Diskussion mehr finden können; einer der Beteiligten hat die Sendung aufgezeichnet und aufbewahrt. Nach dem Stress mit „Emden geht nach USA“ begann für Wildenhahn die allmähliche Abschiebung in die Dritten Programme. Inzwischen sind die Filme auch aus den Dritten längst verschwunden. Als Pina Bausch starb, ist niemand auf die Idee gekommen, Wildenhahns schönen Film über die Choreographin zu zeigen. Und zu Wildenhahns 80. Geburtstag konnte sich grade mal der NDR aufraffen, noch einmal „Emden geht nach USA“ zu zeigen, aber nur den fünften Teil und natürlich nach Mitternacht. Den Film hat das ZDF produziert, nicht der NDR, wo Wildenhahn 32 Jahre lang fest angestellter Redakteur war. Heute, sagt Wildenhahn, werde die Methode des „direct cinema“ behandelt „wie eine abgetane Mode“. Wildenhahns Filme sind augenscheinlich in Zeiten von formatierten Hochglanz-Dokumentationen und superscharfen Bildflächen zu schmutzig, zu unordentlich, zu widerspruchsgeneigt – zu nah an der Realität eben.

Fritz Wolf