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„Ich wusste, das ist es!“

Gespräch der 3Sat Filmredaktion mit der Filmregisseurin Quinka Stoehr anläßlich der Ausstrahlung ihres Dokumentarfilmes „Ostende, 3 Uhr nachmittags“.

Wann und wie entstand bei Ihnen die Idee, Klaus Wildenhahn filmisch zu porträtieren?

Klaus Wildenhahn ist einer der wenigen Intellektuellen, die ihre Gedanken und Ausführungen an ihre persönliche Erfahrung und Biografie anbinden. Das fand ich immer sehr überzeugend. Und es gibt kaum einen Filmemacher, der so anregend über Film spricht wie er. Dennoch war das nicht der Anlass für die Filmidee. Sie entstand eher gefühlsmäßig: Bei den Dreharbeiten zum Dokumentarfilm „Zuneigung - Die Filmemacherin Gisela Tuchtenhagen“, den ich ebenfalls mit der Filmredaktion 3sat im ZDF realisiert habe. Gemeinsam mit Gisela Tuchtenhagen und Klaus Wildenhahn fuhren wir im Januar 2006 nach Dänemark. Wir waren die einzigen Menschen, die bei Minusgraden, aber Sonnenschein an einem winzigen Fähranleger auf Lolland auf die Fähre warteten. Plötzlich ging Klaus Wildenhahn ganz nah ans Wasser, schaute auf die winterraue Ostsee und sagte: „Dies ist ein Ort, wo ich am liebsten springen möchte. Es gibt so Orte, da möchte man am liebsten springen – der Sprung in die Unendlichkeit und alles ist vorbei.“ Dann wandte er sich ab und ging langsam weg. In diesem Moment sah ich, dass er alt geworden ist, zerbrechlich, kleiner. Unwillkürlich musste ich an sein Zuhause denken: In seinem Arbeitszimmer hängt eine Bildergalerie an einer Pinwand. Ein paar der Fotos ragen über die Wand hinaus. Er sagte, „die sind schon drüben“. Erst verstand ich gar nicht, wie er das meinte. Aber dann sagte er, „das ist meine Galerie der Lebenden und der Toten: meine Freunde, Weggefährten, Vorbilder.“Ich glaube, als Klaus Wildenhahn damals in Lolland in die Weite des Meeres schaute und sagte, dass dies ein Ort zum Springen in die Unendlichkeit wäre, entstand bei mir der Wunsch, mit ihm und über ihn einen Film zu drehen.

Während der Dreharbeiten erhielt Klaus Wildenhahn die Diagnose einer Krebserkrankung. Wie gingen Sie und Klaus Wildenhahn damit um, und welchen Einfluss hatte dies auf Ihre filmische Arbeit?

Dadurch zogen sich die Dreharbeiten über eineinhalb Jahre hin. Klaus Wildenhahn musste immer wieder operiert werden, so dass wir nicht drehen konnten. Er hatte kein Problem, sich mit seinen unterschiedlichen Kopfverbänden und Verletzungen zu zeigen, sondern hat versucht, sein Leben wie vorher weiter zu leben. Und wir durften daran teilnehmen. Es war aber - ohne darüber zu sprechen - klar, dass wir den Krebs nicht extra thematisieren wollten, er aber auch nicht ausklammerbar ist: Wir zeigen ihn, er ist immer dabei, aber er beherrscht uns nicht. So war und ist Klaus Wildenhahns Umgang damit: Akzeptieren, dass es ihn gibt, aber trotzdem weiter machen mit dem, was ihm wichtig ist. Das sagt er auch im Film - was ich sehr mag, weil er damit mich und den Zuschauer entlässt, und wir uns seinem Leben und seiner Filmarbeit zuwenden, ohne zu vergessen, dass das Leben auch endlich ist. Denn das schwingt natürlich konstant durch den Film - die Krankheit und sein Alter.

In seiner Reihe "Die großen Dokumentaristen" hat der Verleih Absolut Medien gerade eine DVD-Edition mit Filmen von Klaus Wildenhahn herausgegeben. Welchen seiner Filme würden Sie aus heutiger Sicht ganz besonders empfehlen und warum?

Es gibt viele Filme von Klaus Wildenhahn, die ich sehr mag. Es wechselt auch immer wieder. Ich finde die frühen Filme Wildenhahns aus den 60er Jahren sehr stark: „498, Third Avenue“, „Eine Woche Avantgarde für Sizilien“, „In der Fremde“ und besonders mag ich „Jimmy Smith“. Da wird ein Lebensgefühl transportiert, das sich bis heute hält. Ich finde den Film auf wunderbare Weise modern und zeitlos: Ich kann eintauchen in eine Zeit, die ich nicht miterlebt habe. Der Aufbruch dieser Zeit spiegelt sich auch in der Machart der Filme, die fast experimentell zu nennen wäre. Die Kameraarbeit Rudolf Körösi und der Schnitt korrespondieren auf wunderbare Weise mit dem Gezeigten.

War es schwierig mit Klaus Wildenhahn zu drehen, der ja selber sehr exponierte Positionen zum Filmemachen vertritt? Hat das Auswirkungen für Ihre Arbeit gehabt?

Natürlich. Klaus Wildenhahn hätte sich auf diesen Film nie eingelassen, wenn ich angefangen hätte, zu inszenieren oder „Regie“ zu führen in dem Sinn, dass ich ihn veranlasst hätte, etwas für den Film zu tun oder gar zu wiederholen. Das lehnt er ab, und das wusste ich. Aber das entspricht meiner Arbeitsweise, die sehr stark von Klaus Wildenhahn und Gisela Tuchtenhagen geprägt ist. Auch ich drehe immer im kleinen Team, ohne Inszenierungen, ohne zusätzliches Licht und Stativ, aus der Situation heraus. Schwierig war eher etwas anderes: Klaus Wildenhahn ist selber Filmemacher und weiß natürlich immer, worum es geht. Und dann eine Situation herzustellen, die in seinem Sinn „unkontrolliert“ ist, ist eigentlich unmöglich. Vor allem, da wir viel mit ihm allein gedreht haben. Klaus Wildenhahn hatte mich auch gebeten, allein ohne Kameramann zu drehen. Das wollte ich aber nicht, und wir haben eine Kompromisslösung gefunden. In seiner Hamburger Wohnung habe ich fast immer allein gedreht. Mein Aufenthalt war dann eher wie ein Besuch. In der Montage habe ich bewusst auch Szenen verwendet, in denen Klaus Wildenhahn direkten Bezug zur Kamera oder auch auf den Film nimmt. Das erschien mir naheliegend, da es genau die von Ihnen angesprochene Situation filmisch reflektiert.

Im Film beschreibt Klaus Wildenhahn seinen Eindruck, die von ihm so geschätzte Methode des "direct cinema", sei aus der Mode gekommen. Teilen Sie seine Meinung?

Ich denke, in der Art und Weise, wie er und sein großes Vorbild Richard Leacock das „direct cinema“ betrieben haben, auf alle Fälle. Wenn man nach der „Mode“ geht, dann nähert sich der Dokumentarfilm derzeit mehr dem Spielfilm an, mit dem Versuch der Inszenierung der Wirklichkeit. Zwar sieht es für den ungeübten Zuschauer nach „direct cinema“ aus, ist aber inszeniert und dramaturgisch so zugerichtet, dass ein Spannungsbogen wie im Spielfilm entsteht - inklusive einer Filmmusik, die die Gefühle der Zuschauer lenkt. Insofern stimmt seine Einschätzung. Aber ich glaube, dass das „direct cinema“ immer wieder von Filmemachern verwendet und entdeckt werden wird, und besonders persönliche und intime Filme darauf zurückgreifen.

Was bedeutet Ihnen das "direct cinema"?

Für mich war die Entdeckung des direct cinema und das Kennenlernen der Filme von Klaus Wildenhahn und Gisela Tuchtenhagen eine Offenbarung. Ich wusste, das ist es! Danach hatte ich gesucht, ohne es zu wissen. Meine Filme sind allerdings anders als die von Wildenhahn oder Tuchtenhagen. Aber das Wichtigste habe ich von ihnen gelernt: Auf den Moment zu vertrauen und die Geduld aufzubringen, etwas entstehen zu lassen, von dem man anfänglich nicht weiß, was es ist. Ich gestehe meiner Filmarbeit aber zu, dass ich Verabredungen treffe, die ich dann laufen lasse, ohne einzugreifen oder etwas zu arrangieren. Das sieht man den Filmen natürlich an: Sie sind - verglichen mit anderen, geplanten Filmen - „kleine schmutzige“ Filme. Aber genau das gefällt mir.

Gibt es etwas, das Sie Klaus Wildenhahn zu seinem Geburtstag auf diesem Wege sagen möchten?

Für mich war dieser Film sehr wichtig, in vielerlei Beziehungen. Ich habe das Gefühl, dass ich sehr viel lernen konnte und noch mal einen anderen Blick auf das Leben erhalten habe. Dafür sage ich „Danke“! Zum Glück geht es Klaus Wildenhahn wieder besser. Ich wünsche ihm vor allem Gesundheit! Und freu mich auf den nächsten Kaffee oder Bier in seiner Eckkneipe.

Juni 2010