die dokumentarfilme von Quinka F. Stoehr


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Ruth Bender
Kieler Nachrichten vom 09.03.2006

"Filmen um zu Überleben"

Kiel – Es ist dieser ruhig abwartende Blick, der hängen bleibt.
Unvoreingenommen, offen für das, was sich ihm bietet. Sich dem Gegenüber mit Interesse bis zur Sympathie zuneigend. Die Kamera bleibt auf diesem Blick hängen, übernimmt ihn in die eigene Betrachtung, ruht auf dem Gesicht von Gisela Tuchtenhagen, lässt ihr Zeit, ihre spröden Sätze zu formen, geht mit ihr auf Spurensuche im eigenen Leben.

Ergebnisoffen. Denn auch das ist der Film Zuneigung, den die Kieler Regisseurin Quinka Stoehr, unterstützt u. a. durch MSH und kulturelle Filmförderung, über die Kamerafrau und Dokumentarfilmerin Gisela Tuchtenhagen gedreht hat:
"Ich wollte zeigen, wie sich das eine aus dem anderen erschließt – der künstlerische Ausdruck und das Leben. Vielleicht ist es aber am Ende vor allem ein Film geworden, der etwas über die Haltung zum Leben erzählt..."

Ausgangspunkt ist das Tagebuch, dass die 16-jährige Gisela Ende der 50er Jahre in einer schleswig-holsteinischen Erziehungsanstalt begonnen und als Ausreißerin in Paris bis Mitte der 60er Jahre weitergeführt hat. Das erzählt in knappen Worten von Lebenssucht, Einsamkeit und Überleben, kommt in Ausschnitten aus dem Off, von der Schauspielerin Anne Ratte-Polle kühl-distanziert in die nebelverhangene Ödnis einer Autofahrt durchs lauenburgische Land oder eine nächtlich flirrende Zugfahrt gesprochen.

Eine leise Distanz zum eigenen Ich setzt sich in Tuchtenhagens heutigen Worten fort. So, als beobachte sie sich selbst wie sonst die Heimkinder, die ihr 1986 den Grimme-Preis einbrachten, die Behinderten aus dem Hamburger Projekt INSEL, die sie in Donnerstag Nachmittag (2005) porträtiert, oder die Männerrunde im Heider Hahnebeerkrug, die sie gerade erkundet. Sie weicht der Erinnerung nicht aus, aber sie taucht auch nicht ein, hält ihre Geschichte auf Abstand. So ist auch die Begegnung mit Léo, dem Sohn ihres Geliebten aus der Pariser Zeit, weniger an den Schnittstellen der Erinnerung verwurzelt als im unmittelbaren Interesse, das Gisela Tuchtenhagen ihren Filmobjekten entgegenbringt.

Unaufdringlich und gleichzeitig intensiv beobachtet die Kamera von Volker Tittel die Filmemacherin, begleitet sie zum Treffen mit dem ehemaligen Lebensgefährten Klaus Wildenhahn, surft durch die Wohnung, aus der sich Tuchtenhagens Adoptivsöhne gerade ins Erwachsenenleben verabschieden. Und Quinka Stoehr enthält sich jedes erklärenden Kommentars; sie reißt Geschichten an, lässt Bruchstücke stehen und Leerstellen, an denen sich die Phantasie entzündet. So enthüllt sich nicht nur Tuchtenhagens filmischer Ansatz der Einlassung, so entsteht auch das intensive Bild einer Persönlichkeit, unter deren kühler Beherrschung bis heute ein Brandsatz glimmt – und die im Filmemachen einen Weg gefunden hat, die Energien umzuwenden ins Produktive.
"Zuneigung" hat Sbd, 20.30 Uhr, im Koki, in Anwesenheit der Regisseurin Quinka Stoehr und von Gisela Tuchtenhagen Premiere. Außerdem Mo, 20.30 Uhr.