die dokumentarfilme von Quinka F. Stoehr


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Die Schwierigkeiten im Ungang mit einem Tabu -
Wie die Filmarbeiten behindert worden sind:

Kay Ilfrich, einer der Autoren des Films 'Vergessen kann ich das nie", beschreibt die Schwierigkeiten, die der Filmarbeit - offen und verdeckt - von offiziellen Stellen gemacht worden sind.

Die Geschichte des Filmes beginnt mit Quinka Stoehrs Arbeit in der Notrufgruppe für vergewaltigte Frauen; sie beginnt mit einem besonders krassen Fall von juristischer Vertuschung einer Vergewaltigung auf dem Rücken einer betroffenen Frau; sie beginnt mit dem Kennenlernen dieser Frau und ihrer haarsträubenden Geschichte.
Es entstand das Bedürfnis, diese Geschichte öffentlich zu machen, zu zeigen, was sich hinter der Zeitungsmeldung vom freigesprochenen Vergewaltiger an subtilen Mechanismen der Unterdrückung und an Leiden der betroffenen Frauen verbarg. Dieses Bedürfnis von uns traf sich mit dem Willen von Vera Ritzka, das ihr zugefügte Unrecht nicht hinzunehmen, über ihre persönlichen Erfahrungen zu sprechen, öffentlich die Wahrheit zu sagen, über das, was ihr angetan wurde. In der Kleinstadt Lauenburg, aber nicht nur dort, ist dies ein mutiges Verhalten, aber im Grunde nur die konsequente Fortsetzung des Mutes, den sie schon mit ihrer Anzeige gegen den mächtigen Vorgesetzten bewiesen hatte. Uns erschienen Vera Ritzka und auch die ebenfalls betroffene Kollegin Waltraut Hiltmann mit ihrer Aufrichtigkeit als einsame Inseln im Sumpf aus männlichem Chauvinismus, arroganter Machtanmaßung, Hilflosigkeit, Heuchelei und Feigheit.

Daß dieser Sumpf bis in die Kie1er Ministerien reicht, mußten wir schon sehr bald erfahren. Herr Kamischke von der Kommunalaufsicht des Innenministeriums, direkt mit dem Disziplinarverfahren gegen den freigesprochenen Vergewaltiger Klaus Ewert beschäftigt, machte sich zu dessem persönlichen Anwalt. Wir begannen unser Filmprojekt in der Video-AG des Studentenwerks. Herr Kamischke erreichte beim Leiter der kulturellen Arbeitsgemeinschafter des Studentenwerks, Kurt Denzer, daß dieser auf die Einstellung der Filmarbeiten drängte. Kurt Denzer war durch die direkte finanzielle Abhängigkeit der kulturellen Arbeitsgemeinschaften von außerplanmäßigen Geldern des Kultusministeriums leicht erpreßbar. Die Angst Denzers, daß die CDU-Seilschaften innerhalb der Landesregierung zum Schutz des Kollegen Ewert die studentische Kulturarbeit lahmlegen könnten, war nicht völlig unbegründet. Doch die Dreistigkeit, mit der hier Schweigen verordnet werden sollte, funktioniert eben nur, solange die Betroffenen tatsächlich den Mund halten. Fast nirgends in unserer Gesellschaft ist Gewalt und Unrecht so sehr mit allgemeinem Schweigen verbunden, wie bei der an Frauen verübten Gewalt.

Die Tabuisierung von Vergewaltigung schützt die Vergewaltiger.
Im Fall des Klaus Ewert schienen das Gericht, das ihn frei¬ sprach, und die BILD-Zeitung, die Vera Ritzka offen als Lügnerin hinstellte, ihre Arbeit zur Zufriedenheit des Angeklagten getan zu haben. Mit viel Mühe, die bis in die Widersprüche der Urteilsbegründung hinein zu verfolgen ist, hatten es die Juristen geschafft, die Vergewaltigung aus der Welt zu schaffen. Nun sollte Gras über die Sache wachsen und ja keiner mehr dran rühren. In Lauenburg, bei den Arbeitskolleginnen von Vera Ritzka, hatte schon die gedankliche Vorwegnahme eines möglichen Freispruches und die daraus folgende Angst vor Repressalien für Schweigen gesorgt. Viele Erlebnisse dieser Frauen mit Ewert kamen so nicht an die Öffentlichkeit. Indizien, die vielleicht einen Freispruch unmöglich gemacht hätten. Als der Film nach fast vier Jahren endlich gezeigt werden sollte, wiederholten sich genau diese Mechanismen der vorweggenommenen Ohnmacht. Diesmal nicht bei Angestellten der Lauenburger Stadtverwaltung, die ja noch relativ direkt betroffen sind, sondern bei Frauen, deren Beruf es eigentlich ist, gegen solche Strukturen anzuarbeiten, Öffentlichkeit herzustellen und die noch einen mächtigen Parteiapparat im Rucken haben. Als Mitveranstalter für die Uraufführung des Filmes und die anschließende Diskussion war das 'Landesfrauenbüro' der SPD vorgesehen. Kurz bevor die endgültige Entscheidung über eine Beteiligung fallen sollte, bekam eine Mitarbeiterin Angst vor rechtlichen Schritten des freigesprochenen Ver¬ gewaltigers. Sie sah sich von vollkommen verschwommenen Einschätzungen über mögliche Rechtsfolgen derart in ihrer beruflichen Existenz bedroht, daß sie ihre und die Beteiligung des Landesfrauenbüros absagte.

Auch die 'Pumpe' zog sich daraufhin als Veranstalter zurück. Obwohl die Mitarbeiterin des Lan¬ desfrauenbüros Vera Ritzka persönlich kannte, obwohl sie voll und ganz hinter dem Inhalt des Filmes stand, hatte sie kein Vertrauen in die öffentliche Überzeugungskraft dessen, was im Film geschildert wird. Während Klaus Ewert die betroffenen Frauen auch mit Hilfe seines teilweisen Freispruchs nicht brechen konnte, hatte er auf wesentlich entfernteren Ebenen Erfolg:
Die Wahrheit zu wissen und sie nicht zu sagen; von einer Vergewaltigung zu wissen und sie nicht Vergewaltigung zu nennen; bis hin zum Extrem, eine Vergewaltigung, zum Beispiel in der Ehe, zu erleiden und sie nicht als solche zu begreifen, das sind die Mechanismen, die Vergewaltigung in dieser Ge¬ sellschaft tausendfach ungesühnt ermöglichen. Nicht nur beim Problem Vergewal¬ tigung, aber dort besonders drastisch, wird der Einzelne und im Ergebnis die ganze Gesellschaft gezwungen, Unrecht hinzunehmen, als Bestandteil der Normalität in die eigene Verstellungswelt einzubauen, mit einer gespaltenen Persönlichkeit zu leben.

Diese Männergesellschaft hat die Macht, Vergewaltigung wegzudefinie-ren. Dazu müssen allerdings die Betroffenen erst zum Schweigen ge¬ bracht werden. Das Schweigen zu brechen, Öffentlichkeit herzustellen und politisch zu schützen ist demgegenüber ein wichtiger Ansatzpunkt, um Vergewaltigungen vorzubeugen. Jeder kann sich daran beteiligen.