die dokumentarfilme von Quinka F. Stoehr


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Sigrid Werner
NDR-Hörfunk, 5.11.1986

"Vergessen kann ich das nie - die Geschichte einer Vergewaltigung"

„Wie gesagt: es geht in dem Dokumentarfilm um die Geschichte einer Vergewaltigung. Und dies ist nicht irgendeine der Wirklichkeit nachempfundene Geschichte sondern der authentische Fall, der vor einigen Jahren in Lauenburg passierte.

Da wurde ein bekannter CDU-Politiker und damaliger Personalchef der Lauenburger Stadtverwaltung von zwei Frauen wegen sexueller Nötigung und Vergewaltigung angezeigt. In der ersten Lübecker Gerichtsverhandlung verurteilte man ihn zu sieben Jahren Freiheitsstrafe, in der Revisionsverhandlung in Kiel sprach man ihn von dem Vorwurf der Vergewaltigung frei und verurteilte ihn wegen eingestandener sexueller Nötigung zu einer Geldstrafe von 4000 DM.

Rechtlich gesehen ist damit dieser Fall wie so viele Prozesse, wo es um Vergewaltigung geht, abgeschlossen. Was aber bleibt nach für die betroffenen Frauen? Wie gehen sie mit ihren körperlichen und seelischen Verletzungen um?
Wie reagiert die Umwelt auf das Delikt sexuelle Gewalt? Alles Fragen, die die beiden Filmemacher Quinka Stoehr und Kay Ilfrich nicht auf sich beruhen lassen, sondern in jahrelanger Arbeit in ihrem jetzt gezeigten Film darstellen. Im Mittelpunkt des Dokumentarfilms stehen die beiden betroffenen Frauen. Sie schildern, wie es ihnen ergangen ist, als ihr Vorgesetzter sie sexuell belästigte - am Arbeitsplatz, in Mittagspausen, auf Betriebsfesten und danach. Wie sie anfangs noch seine unzweideutigen Anspielungen entschuldigten, wie sie die Belästigungen vor ihren Ehemännern verheimlichten, bis es dann tatsächlich zu einer Vergewaltigung - so schildert es glaubhaft die betroffene Frau -kam. Dadurch, daß dieser Film die beiden Frauen und die indirekt Betroffenen, die Beschäftigten der Stadtverwaltung Lauenburg,
zu Wort kommen läßt, kann der Zuschauer sehr dicht und chronologisch einwandfrei verfolgen, was sich in Lauenburg und später in den Gerichtsprozessen abgespielt hat. Durch erklärende Kommentare und gelungene Schnittführungen - wenn auch manchmal unscharfe Bilder - ist es den beiden Filmemachern in ihrem Erstlingswerk gelungen, das Thema Vergewaltigung zu enttabuisieren, ohne den Zuschauer zu einem Voyeur der Tat zu machen.

Es wird deutlich, daß dieser Fall, der hier nach den Gerichtsprozessen noch einmal filmisch aufgerollt wird, ein Exempel ist. Sexuelle Nötigung am Arbeitsplatz und Vergewaltigung von Abhängigen - sei das nun innerhalb oder außerhalb der Ehe - finden jeden Tag statt. Die meisten Vorkommnisse werden nicht bekannt, da die betroffenen Frauen sich nicht zu einer Aussage entschließen können. Denn nach einer vollzogenen Vergewaltigung erfolgt dann der psychisch quälende Gang durch die Institutionen. Viele Frauen müssen dann quasi eine zweite psychische Tortur Über sich ergehen lassen, wenn ihre Aussagen von vornherein angezweifelt und sie von der Rolle des Anklägers erneut in die Rolle des Opfers hineingezwungen werden. Wichtig sind deshalb auch in dem Film die Passagen, l wo die Notrufgruppe für vergewaltigte Frauen in Kiel ihre Hilfe darstellt.

Übrigens war es für die beiden Filmemacher nicht einfach, ihr Projekt zu verwirklichen. Ihnen wurden die anfangs angebotenen Hilfen des Kieler Studentenwerks verwehrt. Finanzielle Zuschüsse von Stadt und Land wurden ihnen versagt. Für eine geplante Podiumsdiskussion zu diesem Film sagten Richter und die Staatssekretärin des Sozialministeriums Annemarie Schuster ab. Nun, die Diskussion fand trotzdem statt,
im Anschluß an den Film gestern. Und der Film,der einen gefangen nimmt und nachdenklich macht, ist bereits nächsten Montag, den 3. Dezember noch einmal
in der Kieler Pumpe zu sehen.“