die dokumentarfilme von Quinka F. Stoehr


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Stumpfe Sense - Scharfer Stahl

Bauern, Industrie und Nationalsozialismus

Dokumentarfilm
von Quinka Stoehr, Kay Ilfrich und Jens Schmidt

95 Min., Farbe und SW, Beta SP, D 1990

Synopsis

„Herr Landrat keine Bange,
Sie leben nicht mehr lange!
Morgen früh an Ihrer Tür,
da sind wir schon hier, da begrüßen wir Sie
mit der Lunte, mit dem Wecker,
mit der Taschenbatterie.“

1928 fangen die Bauern in Schleswig-Holstein angesichts einer tiefgreifenden Agrarkrise an, gegen die Staatsgewalt zu rebellieren. Mit dem Boykott von Zwangsversteigerungen, schließlich auch mit Bomben kämpfen sie um den Erhalt ihrer Höfe. Die Landvolkbewegung wird für kurze Zeit zum politischen Hoffnungsträger und zugleich zum Ausdruck einer fundamentalen Opposition zum Weimarer Staat.

Doch auch die herrschenden Kreise dieses Staates wollen den status quo überwinden. Als Antwort auf die Weltwirtschaftskrise plant die deutsche Großindustrie die ökonomische Neuordnung Europas. Grundlage dafür ist eine Reglementierung der Landwirtschaft, mit der die Bauern zu einer verfügbaren Manövriermasse für die industrielle Exportpolitik gemacht werden sollen.

Politisch umgesetzt werden sollen diese Planungen mit Hilfe der Nationalsozialisten, bei denen nach dem Scheitern der Landvolkbewegung auch die Hoffnungen der Bauern gelandet sind. Mit ihrem Versprechen auf eine sichere, vor den Zwängen des Weltmarktes geschützte Existenz hat sich die NSDAP auf dem Land eine Massenbasis geschaffen, ohne die auch die industriellen Landwirtschaftskonzepte nicht durchsetzbar scheinen..
Die gegensätzlichen Interessen, die 1933 die Machtübertragung ermöglichen, bleiben auch danach bestehen. Im Krieg gegen die Völker Europas wenden die Nazis diese Widersprüche schließlich nach außen.

„Kamerad, zieh auf die Weckeruhr,
damit Großdeutschland erwacht.
Es platzt die ganze Politur,
wo die Höllenmaschine kracht“
(Zit. nach einem Lied der Landvolkbewegung)

Im Mittelpunkt des Filmes stehen vier Zeitzeugen:

Die Eiderstedter Großbäuerin Margarete Hamkens. Ihr Mann Wilhelm Hamkens war einer der führenden Köpfe der Landvolkbewegung. Als der Preisverfall für Mastvieh und steigende Steuerlasten auch seine Wirtschaft bedrohen, ruft er zum Steuerstreik auf und muß dafür wiederholt ins Gefängnis. Auch unter den Nazis werden sie als unzuverlässig eingestuft. Margarete Hamkens steht auch heute noch zu den Aktionen der Landvolkbewegung.

 

Der Schleswiger Bauernsohn und Funktionär des damaligen reichslandbundes Peter petersen träumt von einer dritten Revolution, getragen vom Landvolk, und organisiert zahlreiche Boykottaktionen der Landvolkbewegung. Besonders stolz ist er auf die von ihm entworfenen schwarze Bauernfahne mit Flug und Schwert, die zum Symbol der Bewegung wird. Er engagiert sich schon früh für die NSDAP und wird nach der Machtübernahme höherer Funktionär beim Reichsnährstand.

 

Der Hamburger Drucker Josef Bergmann. Als Arbeitersportler in Berlin wird er Mitglied der KPD-Opposition, die schon frühzeitig vor der Gefahr des Faschsimus warnt und für die Einheitsfront der Arbeiter wirbt. Er nimmt zwar die Revolte auf dem Lande wahr, aber für ihn und seine Organisation spielen die Bauern in der Klassenauseinandersetzung so gut wie keine Rolle.

 

Der Bremer Sozialphilosoph Alfred Sohn-Rethel. In den 30er Jahren ist er Mitarbeiter des Mitteleuropäischen Wirtschaftstages, einem politischen Planungsbüro der deutschen Großindustrie. Dort arbeitet er an Plänen einer europäischen Großraumwirtschaft, in der durch Reglementierung der Landwirtschaft neue Absatzmärkte für die deutsche Groißindustrie erschlossen werden sollen. Seine marxistische Ausbildung versetzt ihn in die Lage, die Rolle dieser Planungen bei der Machtübertragung an die Nationalsozialisten genau zu analysieren.

Der Film bringt diese Zeitzeugen durch die Form der Montage sozusagen miteinander ins Gespräch. Im chronologischen Ablauf ihrer Erzählung; von den ersten Bauernprotesten 1928, über die Zuspitzung in der Weltwirtschaftskrise, die Einsetzung der Hitler-regierung und die Reichsnährstandspolitik bis hin zum ersten gewaltsamen Vorstoß in die Tschechesslowakei 1938 werden nach und nach die inneren Zusammenhänge dieser sonst meist getrennt gesehenen Vorgänge deutlich.

Die Gespräche werden durch Archivaufnahmen und Fotos sowie einen Kommentar ergänzt. Zeitzeugen und Archivaufnahmen kommentieren sich gegenseitig und ermöglichen dem Zuschauer einen differenzierten Blick auf einige Entstehungsbedingungen des deutschen Faschismus.